Fragen an Leo Hunt


Glauben Sie an Geister? Haben Sie je an Geister geglaubt?
Ich kann nicht sagen, dass ich jemals an Geister geglaubt habe, aber mein Großvater begegnete angeblich einem Poltergeist, als er in der Royal Air Force diente. Der Geist gehörte wohl zu einem der anderen Rekruten, er schien ihn jedenfalls zu verfolgen. Nachts warf er mit Töpfen. Ich war mir nie sicher, ob ich die Geschichte glauben sollte, doch mein Großvater wirkte immer sehr überzeugt davon.

Sie haben „kreatives Schreiben“ studiert und jetzt mit „13 Tage Mitternacht“ Ihr erstes Buch veröffentlicht. Wollten Sie schon immer Autor werden?
Ja, schon immer. Meine Mutter organisiert Kinderbuch-Spendenaktionen und dadurch habe ich schon früh eine Menge Autoren kennengelernt und war häufig auf Kinderbuchlesungen und -veranstaltungen. Ich wusste immer, dass es diese Welt gibt und dass Autor ein Beruf ist, den echte Menschen ausüben. Ich habe Geschichten und das Geschichtenerzählen schon immer geliebt.

Wie kam Ihnen die Idee zu der Geschichte?
Es ist schwierig sich an den genauen Moment zu erinnern, in dem mir die Idee kam. Ich wollte damals etwas über Väter und Söhne schreiben, über den Zeitpunkt an dem du erwachsen wirst und verstehst, dass deine Eltern nur fehlbare (oder, wie bei Lukes Vater, vielleicht auch schlechte) Menschen sind. Außerdem arbeitete ich an einem Textstück über einen alkoholsüchtigen Magier und seinen Geisterbutler, beides fand schließlich Eingang in „13 Tage Mitternacht“. Ich fand es interessant, eine Geistergeschichte zu schreiben, bei der einmal nicht ein Geisterhaus im Mittelpunkt steht, und wollte mal etwas anderes mit dem Urtyp Geist ausprobieren. Auch klassische Geschichten wie „Faust“ und „Hamlet“ haben mich beeinflusst.

Wie würden Sie den Protagonisten Luke beschreiben? Gibt es Dinge, in denen er Ihnen ähnelt?
Luke ähnelt mir nur in wenigen Aspekten. Es gibt diesen Hang im Jugendbuch, introvertierte Leseratten zu Protagonisten zu machen (natürlich nicht immer), wahrscheinlich, weil wir Autoren selber oft introvertierte Leseratten sind. Ich dachte mir, es macht bestimmt Spaß, eine eher selbstbewusste, kontaktfreudige Figur auszuprobieren, die aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld gerissen wird und als Außenseiter endet. Elza ist schon von Anfang an der klassische Außenseiter, ihr fühle ich mich näher. Wir haben einige Interessen und Hobbies gemeinsam und in mancherlei Hinsicht steckt in ihrem Charakter eine Parodie auf mich selbst.
Ich kann Luke dennoch gut verstehen. Er kann mit seinen Freunden nicht über die Dinge reden, die ihn an seinem Familienleben stören, und er spürt einen großen Druck, sich einzufügen. Ich glaube, die Jugend kann eine unglaublich einsame und schwierige Zeit sein, auch für Leute wie Luke, die nach außen hin sehr selbstsicher wirken.

Ihre Charaktere sind alle sehr lebendig, haben ihre Ecken und Kanten. Welche Figur mochten Sie denn am liebsten?
Wie schon gesagt, so ähnlich wie Elza habe auch ich mich als 16-Jähriger gefühlt: ein wenig abgesondert, ein künstlerischer Mensch an einem Ort, an dem es scheinbar kaum Andere wie dich gibt. Elza hat arrogante Züge und manchmal kann sie auch großspurig sein, sie ist also sicher nicht perfekt. Aber Elza ist die Figur, mit der ich mich am stärksten verwandt fühle, und es war immer leicht, Dialoge für sie zu schreiben.
Jeder liebt Bad Boys und ich hatte riesigen Spaß mit dem Hirten und Mr Berkley. An den Bösewicht einer Geschichte erinnert man sich oft am längsten, und ich finde es sehr spannend, einen Charakter zu gestalten, der sich nicht an die normalen Regeln der Moral hält.

Was für Bücher haben Sie als Jugendlicher gelesen? Was hat eine gute Geschichte damals für Sie ausgemacht?
Ich war total besessen von Fantasygeschichten und anderen Welten. Meine Lieblingsbücher waren „Der goldene Kompass“ von Philip Pullman, die Reihe „Das alte Königreich“ von Garth Nix und „Moral Engines“ von Philip Reeve (hier gibt es eine Philip-Tendenz, merke ich grade). Auch die Romane von Stephen King und die Kurzgeschichten von H.P. Lovecraft haben es mir sehr angetan, beide haben „13 Tage Mitternacht“ beeinflusst.
Ich denke, eine gute Geschichte enthielt für mich Monster, fremde Welten, aufregende Abenteuer und oft einen großen Teil Horror, das alles wollte ich in meiner eigenen Geschichte wiederfinden.

Haben Sie davor schon mal Texte für Jugendliche geschrieben? War die Arbeit an dieser Geschichte anders als die Arbeit an Ihren anderen Geschichten?
Ehrlich gesagt wusste ich kaum, für welche Altersgruppe ich schrieb, ich war ja erst 19, als ich die Geschichte begann. Ich glaube ich hielt es für ein Jugendbuch, aber die ersten Entwürfe waren viel grausamer und brutaler als die finalen Version. Mein Agent stellte mich vor die Wahl, entweder einen Horrorroman für Erwachsene zu schreiben, oder die schlimmeren Stellen zu streichen und die Geschichte zu einem Jugendbuch zu machen. Ich wollte den Humor und eine gewisse Leichtigkeit nicht verlieren, darum entschied ich mich für das Jugendbuch, was sich immer noch absolut richtig anfühlt.

„13 Tage Mitternacht“ ist witzig und spannend, es geht aber auch immer wieder um die Entscheidung zwischen Richtig und Falsch und darum, Verantwortungen zu übernehmen. Wie wichtig war es Ihnen, beim Schreiben eine Botschaft zu vermitteln?
Ich glaube Geschichten vermitteln immer Botschaften, egal ob wir darauf abzielen oder nicht. Jede Geschichte, die je erzählt wurde, hat eine Botschaft, und oft verrät der Erzähler mehr über sich, als ihm bewusst ist. Ich hatte nicht vor, jemanden zu belehren, aber ich hoffe die Leser beenden die Lektüre und denken danach vielleicht über einige der Dinge nach, die Sie genannt haben. Ich halte es für wichtig, den Leser seine eigene Moral der Geschichte finden zu lassen, anstatt ihm eine aufzuzwingen. Luke findet im Verlauf der Geschichte heraus, wo seine Werte liegen, obwohl ich mir selber nicht sicher bin, ob er am Ende des Buches die richtige Entscheidung trifft.

Wie gefällt Ihnen das leuchtend gelbe deutsche Cover?
Ich liebe es! Es ist sicher eines meiner Lieblingscover bis jetzt. Mir gefällt, dass es kein typisches Horror-Cover ist und ich halte das leuchtende Gelb zusammen mit dem schwarzen Geister-Umriss für einen genialen Einfall.

Lukes Hund „Ham“ hat ein echtes Vorbild. Ist der „echte“ Ham auch eher ein Angsthase?
Ruby ist ein schrecklicher Feigling, ja. Sie ist sehr groß und trotzdem hat sie totale Angst vor allem und jedem, das ist wirklich witzig. Ich habe schon gesehen, wie sie versuchte, sich einem Welpen zu unterwerfen, der kleiner als ihr Kopf war! Wenn ein Hund sich unterordnet, legt er sich flach auf den Boden, damit er kleiner als der andere Hund ist. Ruby ist aber so groß, dass sie es einfach nicht geschafft hat! Sie hat verzweifelt versucht, sich kleiner zu machen als dieser kläffende kleine Welpe, aber es ging einfach nicht. Ich konnte nicht aufhören zu lachen!

Würden Sie die Welt gerne einmal mit Hundeaugen sehen?
Ich fände das sehr interessant! Der Philosoph Thomas Nagel schrieb in seinem Essay „What is it like to be a Bat?“ (Wie wäre es wohl, eine Fledermaus zu sein?) darüber, dass es für uns absolut unmöglich ist zu verstehen, wie ein anderes Lebewesen die Umwelt aufnimmt. Ich denke manchmal daran, wenn ich meinen Hund beobachte. Ich habe keine Ahnung, was sie beispielsweise über unser Haus oder über mich denkt. Ich wüsste es zu gerne. Nagel beschreibt, dass wir, selbst wenn wir uns in Fledermäuse verwandeln würden, immer unsere menschliche Perspektive behalten würden. Wir würden nie erleben, wie ein Gehirn, das von Anfang an das einer Fledermaus war, funktioniert, und das erkennt man auch in dem Monolog von Luke/Ham: Alles, was wir lesen, ist durch Lukes Bewusstsein gefiltert. Wir bekommen nicht wirklich mit, was Ham denkt, wenn Luke nicht „übersetzt“. Ich habe vor längerer Zeit einmal versucht, eine ganze Geschichte aus dieser Hunde-Stimme zu schreiben, aber das wurde mit der Zeit sehr anstrengend zu lesen. Ich entschied mich dafür, einen kleinen Teil davon in „13 Tage Mitternacht“ zu übernehmen, und es scheint eine Lieblingsstelle vieler Leser zu sein.